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Wenig hilfreiche Vorschläge zur Reform des juristischen Studiums

„Eine inhaltliche Reform“ des juristischen Studiums fordert die Dekanin der juristischen Fakultät der Universität Heidelberg, Prof. Dr. Ute Mager, in einem Interview in der aktuellen ZEIT (online hier). Wer jetzt – wie ich – denkt, dass es um eine dringend notwendige Überarbeitung der Studieninhalte geht, freut sich allerdings zu früh.

Frau Mager möchte nämlich vor allem das Schwerpunktstudium wieder abschaffen. Das ist sicher unterstützenswert – die Schwächen des Schwerpunktstudiums sind bekannt und sollen hier noch einmal wiederholt werden. Darin erschöpft sich Frau Magers Reformeifer aber auch schon. Und das ist m.E. typisch für Vorschläge zur Reform des juristischen Studiums, vor allem wenn sie – wie meistens – aus dem universitären Bereich kommen: Sie gehen am eigentlichen Kern des Problems vorbei und erschöpfen sich in kosmetischen Änderungen.

Das große Defizit des juristischen Studiums wird dabei völlig ausgeblendet: Dass nämlich das juristische Studium viel zu wenig auf die Vermittlung juristischer Grundlagen und das Erlernen von Strukturwissen ausgerichtet ist. Statt juristischer Grundlagen und juristischem Handwerkszeug wird viel zu häufig vollkommen irrelevantes Detailwissen gelehrt, werden überholte oder kaum relevante Streitstände und die dazu vertretenen „Professorenmeinungen“ (natürlich die jeweiligen Argumente) gelehrt, auswendiggelernt und dann in Klausuren heruntergebetet und von Korrektoren sogar noch honoriert. (Symptomatisch dafür ist z.B. die „20 Probleme aus dem …“-Reihe des Vahlen-Verlags.) Und bei diesem sinnlosen Auswendiglernen von „Professorenmeinungen“ handelt es sich sicherlich auch nicht um eine kritische Auseinandersetzung mit obergerichtlicher Rechtsprechung oder gar um wissenschaftliches Arbeiten.

Auch und gerade wegen dieser Defizite weisen viele Examensklausuren – ich spreche da als Prüfer aus eigener Erfahrung –  teilweise erschreckende Mängel beim Verständnis ganz grundlegender rechtlicher Zusammenhänge auf, fehlt nicht wenigen Examenskandidaten das notwendige juristische Handwerkszeug, um Klausuren zufriedenstellend zu bearbeiten. Diese Defizite sind übrigens auch Frau Prof. Mager offensichtlich bekannt, wie sie in dem Interview angibt.

Frau Mager vermischt dieses Problem aber damit, dass auch die Vermittlung der „philosophischen und geschichtlichen Wurzeln unseres Rechtssystems“ zu kurz käme. Und daran könne nur ein besseres Betreuungsverhältnis an den Universitäten etwas ändern. Das ist erstens schief, weil das Problem in juristisch-handwerklichen und nicht in philosophisch-geschichtlichen Defiziten liegt. Und damit macht es sich Frau Mager auch etwas zu einfach – schuld sind dann nämlich immer die anderen, die die Mittel nicht bewilligen.

Eine (große) Lösung könnte z.B. darin liegen, dass die Studierenden im ersten Semester Einführungsveranstaltungen besuchen, in denen vorab grundlegende Zusammenhänge vermittelt werden. Das würde es ihnen erheblich vereinfachen, spätere Studieninhalte einzuordnen. An der Lösung des Problems könnten Frau Magers Kolleginnen und Kollegen aber auch ganz einfach selbst etwas ändern: indem sie ihre Vorlesungen, Übungen, Klausuren und (Klausur-)Sachverhalte insbesondere in den Anfangssemestern von vielen überflüssigen akademischen „Streitständen“ befreien würden und stattdessen mehr Gewicht auf die Vermittlung juristischer Grundlagen und juristischen Handwerkszeugs legen würden.

Stattdessen bemüht Frau Prof. Mager die immer als Beschwörungsformel verwendete Behauptung, die deutsche Juristenausbildung habe einen hervorragenden Ruf. Zum Beweis dieser These führt sie an, dass beispielsweise französische Studenten nur Skripten auswendig lernten. Und das ist dann doch ein interessantes Argument. Unsere Studierenden lernen nämlich weiter die „20 Probleme aus dem Schuldrecht II“ auswendig: Problem I, Meinung 1, Argumente a) bis d); Meinung 2, Argument a) bis c) usw. Und sind damit sicherlich auf ihr späteres Berufsleben viel besser vorbereitet als die französischen Skriptleser. Oder etwa nicht?

Foto: © Manfred Sauke / www.wikimedia.org

1 Kommentare

  1. Das Problem ist in meinen Augen nicht das Studium, sondern die Foggusierung (O-Ton Jogi L.) darauf Klausuren, Scheine und Examina in möglichst effizienter Weise möglichst schnell und erfolgreich zu bewältigen.

    Dabei geht das eigentliche Studienziel nämlich verloren. Durch systematische ,dialektische Herangehensweise einen unbekannten Sachverhalt zu zerlegen und in seine Kernprobleme aufzuspalten.

    Ein Jurastudent lernt nicht, ein Mandat zu bearbeiten, ein Urteil zu schreiben oder eine Anklageschrift zu fertigen. Er soll aber in die Lage versetzt werden, einen Vortrag zu analysieren, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen und die nötigen Rückfragen zu stellen.

    Das benötigt Zeit, um sich zu setzen. Diese fehlt aber in diesem Studium.

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